... Fortsetzung Folge 1 - Protest und Theorie

An der Mauer

Kaum ein paar Wochen nach den Schwabinger Krawallen gab es auch in Berlin Rabatz. Keine "Rebellion ohne Grund", sondern jetzt mit politischem Motiv. Und was war das Motiv? Die Mauer.

Wer ist hier links? Rebellierende Jugend oder die Verwalter des besseren deutschen Staats?

Ein Haufen Linker auf dem Weg zum Mausoleum. Zum Lenin-Mausoleum.
1962. Die Sowjetunion im Zenit ihrer Macht. Vaterland aller Werktätigen. 1/6 der Erde. Rußland ist rot. Aber ist es auch links?

War diese Riege von Betonköppen das, was Marx und Engels vorschwebte? War Breschnjew ein Linker?

ein Haufen Linker


Nikita Chruschtschew, 1961:
"Ich bin hier als Vertreter des Großen Sowjetvolkes, des Volkes, das die Große Oktoberrevolution gemacht hat, unter Führung Lenins, des Volkes, das den Sozialismus gebaut hat und voranschreitet zum Kommunismus, und ihr seid platt, das macht mich munter!"


Nolte: "Ja das ist ja nun natürlich eine ganz eigenartige Frage. Er war ein Linker natürlich insofern, als er der Meinung war, der Staat, den er verkörperte oder an dessen Spitze er stand, sei nicht dafür da, dauerhaft zu existieren. Der werde eines Tages verschwinden, aber erst, wenn er die anderen Staaten auch um ihre Staatlichkeit gebracht habe. Und ich würde nicht so sehr Breschnjew zitieren, ich würde aber Chruschtschew zitieren. Chruschtschew war offenbar ganz ehrlich dieser Meinung. Er hatte einen riesigen Apparat unter sich. Er war ein beinahe allmächtiger Herrscher, aber er scheint der Überzeugung gewesen zu sein, daß das wirkliche Leben erst anfängt, wenn es solche Herrscher, solche Apparate, solche Bürokratien nicht mehr gibt. Aber das kann erst dann der Fall sein, wenn der Staat Sowjetunion, der im Grunde genommen ein Nicht-Staat ist und ein Nicht-Staat sein will, die übrigen Staaten, die Staaten sein wollen und die womöglich sogar stolz sind Staaten zu sein, begraben hat, wie Chruschtschew ja in einer berühmten Wendung mal gesagt hat: 'Wir werden Euch begraben.'"

Chruschtschew war Optimist und ließ sich dennoch eine Mauer bauen. Mancher gewöhnte sich schneller an sie als an ihr Verschwinden 30 Jahre später. In einer Welt, die sauber in Gut und Böse geteilt ist, lebt es sich eben leichter als in einer, wo alles durcheinandergeht.

Jedenfalls kann man sich im Schatten von Mauern ganz auf die eigene, die Selbstbefreiung konzentrieren. Knutschen 1966.
Zugegeben, die Platte ist etwas jünger als die Knutschbilder, 66 wäre das noch Pornographie gewesen. 69 ein großes Liebeslied. Jane Birkin, Je t'aime.

Können Sie sich noch erinnern?

Ich auch.


Knutschen

Jane Birkin
Katharina Rutschky
Katharina Rutschky
"Ja was ist aus der sexuellen Liberalisierung geworden? Eine Freiheitsmöglichkeit scheint es damals gegeben zu haben oder ist auch noch gegeben, aber die Leute wirken eher unglücklich.
Sexualität ist quasi eine Anforderung geworden. Also wie den Führerschein machen. Heute machen sich die Eltern vielleicht Sorgen, wenn ihre vierzehnjährige Tochter oder sechzehnjähriger Sohn keine Freundin hat oder keinen Freund. Während sie sich früher davor gefürchtet haben, daß der erste Freund auftaucht oder die erste Freundin, und Angst hatten, daß da womöglich irgendwas passiert. Das ist so in eine Normalität eingewandert und das erzeugt einen Druck. Also einen Erwartungsdruck. Die Freigabe der Sexualität ist eben nicht wirklich als Freigabe erfolgt, sondern als eine Erwartung, daß eine bestimmte Norm erfüllt wird. Der gesunde Mensch hat ein Sexualleben zu haben.
"Halten Sie sich selbst für eine Linke?"
"Habe ich eigentlich immer so gedacht, ja. Aber es wird sicherlich von manchen sehr bestritten, daß ich links bin. Das Linkssein war für mich von Anfang an, meines ja schon etwas längeren Lebens ... hatte auch immer was mit Denken zu tun, mit unabhängigem Denken. Auch mit orginellen Gedanken, weil in meiner Jugend, links war man ja in einer radikalen Opposition gegen das Establishment. Und man mußte also immer die Gegengedanken zum Establishment denken.
Heute, würde ich sagen, ist das Establishment links, in Anführungszeichen. Und das ist ein Problem, sagen wir mal, speziell der deutschen Gesellschaft, die sich nach meiner Meinung sozusagen vom Konservativ-Reaktionären, Kleinbürgerlichen, Engen, Reaktionären entwickelt hat, in eine etwas zu aufgesetzte, aufgeklärte Gesellschaft des guten Willens, der Fürsorge, des wohlfahrtsstaatlichen Denkens, auch der politisch korrekten Meinungen. Es ist bei uns immer alles hundertfünfzigprozentig politisch korrekt. In Frankreich also geht man mit Rechtsradikalen schon ein bißchen legerer um, bei allem politischen Engagement, das man dagegen haben soll, aber bei uns da gibt es immer nur die ganz klaren Fronten. Es fehlt sozusagen die lebensfreundliche Lockerheit im Umgang mit solchen Dingen. Die Gesellschaft ist nicht mehr faschistisch, sag ich immer, sie ist auch eigentlich nicht mehr autoritär, sie ist eher zwangsneurotisch geworden. Also zwangsneurotisch im Sinne von ewig besorgt. Politisch korrekt, ewig besorgt. Und die Sorge ist sozusagen unser liebstes Gefühl. Und auch unser progressives Gefühl ist die Sorge. Während ich der Meinung bin, Progressivität hat auch was mit Überschwang, mit Leichtsinn, mit Übermut und vor allen Dingen mit einem Begriff, der bei uns ganz schlecht gehandelt wird, mit Freiheit, zu tun."


Max Horkheimer: "Weißt Du Maidon, ich sag Dir doch immer, daß ich so dumm bin.
Maidon: "Ja ich weiß."
Horkheimer: "Und ich hab das Gefühl, daß wenn andere Menschen noch dümmer sind, vor allem, wenn's wichtige Leute sind, daß das für mich eine Erholung ist, dann komm ich mir nicht ganz so dumm vor."
Max Horkheimer

Dabei steckt hinter dieser Zeitung gar kein dummer Kopf.


Max Horkheimer, Institut für Sozialforschung, Frankfurter Schule, Kritische Theorie, Dialektik der Aufklärung - linke Grundbegriffe, muß man fehlerfrei nachsprechen können.

Horkheimer war nach dem Krieg mit seinem Institut aus den USA nach Frankfurt zurückgekehrt.
Nachts zieht es ihn zum Hauptbahnhof. Nachsehen, ob die Züge noch fahren, wahrscheinlich. Und ein paar internationale Zeitungen. Ansonsten ganz deutscher Professor.

In der Emigration war dem Professor Horkheimer sein klassenkämpferischer Marxismus, der das Institut für Sozialforschung vor 33 geprägt hatte, abhanden gekommen, und einer altersmilden Versöhnlichkeit gewichen. Die Studenten wollten gerne seine radikalen Frühschriften lesen, aber er weigerte sich, sie neu auflegen zu lassen. Außerdem weigerte er sich, seinen Studenten die Utopie einer besseren Welt zu liefern, nach der sie immer lauter verlangten. Kritische Theorie war für ihn Kritik der bestehenden schlechten Verhältnisse, nicht Entwurf besserer neuer.

Max Horkheimer
Max Horkheimer
"Die kritische Theorie sagt, Du kannst zeigen, was das Schlechte ist, und versuchen, es zu überwinden, aber Du kanst das Allerletzte, Höchste nicht darstellen. Daher legt die kritische Theorie ihren Hauptwert auf die Kritik der Gesellschaft und nicht etwa auf das Bild der schlechthin richtigen Gesellschaft. Das gilt sogar, dasselbe gilt sogar auch für Karl Marx. Marx hat zwar auch vom Reich der Freiheit gesprochen, aber er hat sich gehütet, dieses Reich der Freiheit auszumalen. "

Blaue Bände, Bd. 25, Kapital, III. Teil S. 828:

"Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört."
Naja, das ist ja - gar nicht mehr so weit weg.

Das Kapital
Horkheimer: "Er wollte es nicht klar formulieren, denn er war der Überzeugung, daß man in einer ungerechten Gesellschaft das Gerechte nicht in den Einzelheiten zu formulieren vermag."

Daß Horkheimer die Marxsche Verelendungstheorie ablehnte, nach der der Kapitalismus von sich aus zur Revolution drängt, weil er die Lage der Arbeiter immer weiter verschlimmert, daß er Marx grundsätzlich in Zweifel zog, empörte seine Studenten Ende der Sechziger.
Und nicht nur seine Studenten, sondern auch so manche radikale Straßenkraft, wie den späteren Außenminister Fischer.

Joschka Fischer
Horkheimer: "Diese Gesellschaft, in der wir leben, verelendet nicht die Arbeiter, sondern verhilft ihnen zu einem besseren Dasein. Und außerdem hat der Marx gar nicht gesehen, daß Freiheit und Gerechtigkeit dialektische Begriffe sind. Je mehr Freiheit, desto weniger Gerechtigkeit. Und je mehr Gerechtigkeit, desto weniger Freiheit."

Was ist schon Freiheit?
Nach Marx/Engels Einsicht in die Notwendigkeit. Freiheit ist in der deutschen Linken ein geringerer Wert.

Bernd F. Lunkewitz
Bernd F. Lunkewitz
"Die Freiheit. Rosa Luxemburg hat das mal sehr schön gesagt, die Freiheit im Kapitalismus ist die Freiheit, um Brot zu betteln oder unter Brücken zu schlafen."
"Sie haben sehr viel Geld verdient, in einem Bereich, der nun klassisch als böse gilt, in einem Haifischbecken, der Immobilienspekulation.
"Ja, es gibt bestimmt Leute, die das so nennen würden. Das Grundeigentum oder das Eigentum an Grund und Boden oder die Grundrente ist eine der ältesten Formen, wenn man so will, der Mehrwertaneignung, die ist also älter als die kapitalistische. Die einen sagen, es ist also besonders böse, die anderen sagen, es ist besonders seriös. Das Haifischbecken, das es da gibt, das gibt's bestimmt im Bereich der Makler und so, aber im Bereich der Grundeigentümer, und dazu gehöre ich, geht's eigentlich relativ gesittet zu.
"Aber sind Sie nicht dennoch ein lebendes Beispiel für den Erfolg einer Gesellschaft, die die Freiheit über die Gleichheit setzt?"
"Ich weiß nicht, ob die Gesellschaft wirklich die Freiheit über die Gleichheit setzt. Ich glaube, das eine ist die Bedingung des anderen. Ich hatte gleiche Chancen wie alle anderen auch und gelte vor dem Gesetz gleich, hoffe ich jedenfalls, oder wir streben dahin, sagen wir das mal so, und das wiederum gibt mir natürlich auch die Freiheit, in diesem Land Geld zu verdienen. Ja klar, wir haben - das ist die Voraussetzung der kapitalistischen Gesellschaft - Verkehrsfreiheiten, Reisefreiheiten, persönliche Freiheiten jeder Art, die es in feudalen Strukturen eben nicht gibt. Und feudale Strukturen, da schließe ich auch solche Systeme wie die Sowjetunion und die Volksrepublik China ein. Wenn allerdings diese Freiheiten dann tatsächlich herbeigeführt werden, stellen Sie sich mal vor, eine Milliarde vierhundert Millionen Chinesen genießen die Reisefreiheit. Die Bundesrepublik Deutschland sagt, alle Menschen sind gleich, und auch die dürfen einreisen. Und stellen Sie sich mal vor, 10 Prozent von denen kämen tatsächlich hierher, wollten wir das alles so haben? Also die Freiheit hat dann auch ein paar Probleme, die sie mit sich bringt."
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